Wo Bomben, Kugeln oder Drohnen fliegen,
wo Giftgas verstreut wird und Tretminen liegen,
wo Frauen und Mädchen vergewaltigt, und genital verstümmelt werden,
wo Köpfe rollen, Ohren, Hirne oder Augen vor Dir liegen,
wo Lungen, Herzen und Gedärme auf der Straße oder an
Häuserwänden kleben,
wo abgetrennte Beine, Füße, Arme oder Hände,
verstreut um Dich herum dar nieder liegen,
wo literweise Blut in Lachen auf Asphalt oder im Dreck versiegen,
dort wollen nur die Rache und der Hass obsiegen.
©Martin Heide
Birnen-Kuchen
in Grasse
Departement Alpes-Maritimes
Provence-Alpes-Cote d` Azur
Der Raps leuchtet grell und so mächtig gelb
als sei er selbst die Sonne am Himmelszelt.
Der Feldweg verschwindet am Firmament
im Irgendwo, das niemand kennt.
Die Steine, die Felsen, sie glüh` n,
die Sonne brennt gar ungestüm.
Staubwolken wirbeln als wär` `s eine Zier,
Böen spielen im Blattwerk Klavier.
Der Mistral weht Lavendel-Duft zu,
endloses Lila moiriert dazu.
Falter fischen Blüten, sind Tupfer in gelb,
Grillen konzertieren in friedlicher Welt.
Ich sitze am Tisch beim Mandelbaum
mit Birnen-Kuchen und Sahne-Schaum.
Sie hat Parfüm aus Grasse angelegt,
dass um ihr bezauberndes Wesen schwebt
und mir hilflos den Kopf verdreht,
ein Blitz schlägt ein, ich bin erregt,
Madame hat ihr blondes Haar angelegt,
was meine Sinne durcheinander fegt,
ungeschminkt ist ihr Naturell,
ihr Kleid geschmackvoll und nicht zu grell,
das ist kein Traum, sie ist ein Traum
bei Birnen-Kuchen und Sahne-Schaum.
©Martin Heide
Das Geschäft
Schulden drücken Dich hinab.
Mach` jetzt bloß nicht schlapp!
Die Bank, die hat Dich in der Hand.
Ihr Zins ist Dir in die Stirn gebrannt.
Du rechnest täglich Soll und Haben,
der Schreibtisch ist Dein Kellerloch.
Lebendig bist Du dort begraben,
doch, noch lebst Du noch.
Du rennst durch den Wald
und Du duschst eiskalt;
fit fühlst Du Dich besser,
doch an der Kehle sitzt das Messer.
Wieder springt ein Kunde ab.
Mach` jetzt bloß nicht schlapp!
Okay. Setz` mal den Preis hinab!
Neue Kundschaft ist doch der Garant,
für Deinen weit´ren Fortbestand.
Doch nachts, ja nachts, da schläfst Du nicht.
Das Geld, das Geld hat mehr Gewicht.
Du denkst und denkst, Schlaf gibt es nicht,
im Dunkeln drehst und drehst Du Dich
im Morgengrau` n steht nackte Angst Dir im Gesicht.
Deinen Freigeist hat die Bank gekauft,
Existenzangst frisst Dir Deine Seele auf.
Und wie Du Dich windest,
Dich krumm machst und schindest,
Du bist leer, Du bist leer, Dich gibt es nicht mehr.
Kein Geld, kein Geld der Rucksack ist leer,
und doch, und doch ist er viel zu schwer.
©Martin Heide
Frei-Fliegen
Ich steige, ich falle, doch ich stürze nicht ab,
es gibt keine Zeit und kein Dasein ist knapp,
ich bin was ich will, ohne Zweifel und Fragen,
nur fallen und steigen, da ist nichts zu klagen.
Bin ich dem Tod oder dem Leben „entflogen?“
Egal, das Herz ohne Angst, ohne Pfeil und Bogen,
ich steige, ich falle, es gibt keine Grenzen,
kein Jung, kein Alt, nur Farben die glänzen.
Ich falle, ich steige, nur Vor, kein Zurück,
die Richtung? Ich treib` bloß und ALLES ist Glück.
©Martin Heide
Zeitgeist - kein Anstand
Die Lüge ist im Massengebrauch.
Die Wahrheit ist out und ausverkauft.
Nur Heuchelei steht hoch im Kurs.
Die Fassaden sind Schilde gegen Konkurs.
Der Datenmissbrauch bringt Dein innerstes Ich ans Licht,
er zeigt wohl möglich Dein wahres Gesicht – nein, so geht das nicht.
Zum Zocken sind viele gern bereit,
Investments haben freies Geleit.
Der Hochgeschwindigkeits-Aktien-Markt,
pervertiert den Handel auf übelste Art.
Auf Ernte-Erträge zu wetten, ist gewissenlose Niedertracht,
doch niemand ist da, der diesem Wahn ein Ende macht.
Nur die Rendite ist es die zählt, egal ob das die Menschen quält.
Die Börse ist der „Circus Maximus“, dem sich alles beugen muss.
Und in Nahost zeigt sich die Lüge unverdrossen,
dort werden auch mit deutschen Waffen Kinder erschossen,
trotz Grundgesetzt und alle dem, das ist ein Skandal,
niemand schämt sich – feige Bande, aber feudal.
Und die Wahrheit liegt verschlossen
im Bankschließfach aus Edelstahl.
Die systemrelevante Bank hat ein Regal
im Giftschrank der Nation,
ja, die Wallstreet-Teufel freu`n sich schon.
Verschweigen, Tar nen, Observation,
Schmiergeld, Kopfgeld, Infiltration,
das sind die Aktien der Korruption.
Ich glaube an Gerechtigkeit,
Freiheit, Recht und Einigkeit
und hoffe:
„Es ist nichts so fein gesponnen,
es kommt doch ans Licht der Sonnen.“
Und:
„Ehrlich währt am längsten.“
Und:
„Lieber weine ich bis ins Unendliche,
als vor dem Spiegel meine Selbstachtung zu verlieren.“
Und:
Anständig muss man alleine werden,
aber ohne Anstand werden wir die Welt nicht retten.
Meine größte Sorge ist,
so zu werden, wie die,
die Lügen und Betrügen,
die die Redlichkeit mit Füßen treten
und damit durchkommen.
©Martin Heide
Die kleinen Fluchten
Zu Hause ist `s so öde und stumpf,
Löcher habe ich in jedem Strumpf
und Schwielen an den Händen,
die Feldarbeit, die will nicht enden.
Endlich Samstag: Heute Abend saufe ich
und mit den schönsten Mädchen amüsier` ich mich.
Die Kapelle spielt auf, Bier und Branntwein fließen,
vergessen ist die Schinderei, vom Kopf bis zu den Füßen.
Ach, wie gern würd` ich mal reisen, die Taschen voller Geld und mit allen Trümpfen – über`n Brenner nach Italien.
Doch, dafür reicht es leider nicht, denn in meiner Welt sind Löcher in den Strümpfen
und so manche Repressalien.
Da sind die Kinder anders drauf,
nehmen Pack-Stress und Reise-Hektik klaglos in kauf.
Es geht nicht mehr, daheim zu bleiben,
der Arbeitsalltag würde sie in Depressionen treiben,
sie brauchen ihre kleinen Fluchten,
weg vom Schuften und dem Unkraut zupfen.
So reisen sie, nicht, um Neues zu entdecken,
sondern um Altes zu vergessen.
Sie träumen von Veränderung, das würde neue Kräfte wecken.
Doch, sie müssen wieder kommen – ohne Geld gibt `s nichts zu fressen.
Eine Schutz-Insel, ja, da will ich gerne hin,
ein Ort, wo ich behütet bin,
wo all das Böse als Gischt am Fels zerschellt,
wo meine Zuversicht mein Gleichgewicht hält
und wo das Gute ist - in meiner und in deiner Welt.
©Martin Heide
An eine ferne Prinzessin
Ihr Lächeln ist herzlich, taktvoll, so warm und so fein
und schenkt mir Momente von glückselig sein.
Sie ist ein Talent, nicht leise, nicht laut,
Ihr Wesen pendelt sich ein,
zwischen Anmut und frei sein,
nach Salz auf der Haut.
Sie kennt Ihr Metier, vielleicht Luxus und mehr,
doch oft sind auch „there“, Wege so unendlich schwer.
Nur wenige wissen, wie viel Narben sie trägt,
wie viel Enttäuschung Sie hinter glücklichen Augen vergräbt.
Narben der Haut bleiben zu seh`n,
Narben der Seele sind nicht leicht zu versteh`n.
Noch strahlt Ihr Lächeln warmherzig- rein
und schenkt mir Momente von glückselig sein.
Ich hoffe sehr und wünsche Ihr, das bleibt noch so
und erfriert nicht an eisigen Winden im Irgendwo;
schönes Mädchen vom Wunderland,
dass nie lebendig vor mir stand.
©Martin Heide
prolog: er fürchtete sich vor der giftigen schlange,
die sich beim schlafen anschmiegt an seine wange,
damit sie ihm schließlich ihr gift injiziert,
als droge mit der sie ihn leicht dominiert
die spinnenschlange
er liebte sie mit solch einer intensität,
ob morgens, mittags oder abends spät,
ihre geilheit trieb ihn stets in die manie,
war es trug oder war sie eine wie nie?
eigentlich hatte er gar kein vertrauen,
erst recht nicht zu dominanten frauen,
wenn ihr blick an ihm auf und ab ging,
und sein glied dann längst nicht mehr durchhing,
tastete sie sich an ihn heran,
sah ihn einfach nur lüstern an,
ihre zunge leckte seine lippen um dann,
zu tasten, ob seine erregung gelang,
ihr geschmeidiger körper trieb ein lockendes spiel,
ihr betörender mund hatte nur eines zum ziel,
ihr atem, ihr timbre so heiß, so glühend an seinem ohr,
ihre hand rieb ihn mal zärtlich mal fest, ab und empor,
dann führte sie seine zittrige hand,
an ihren schoss und ließ ihn spüren, wie sehr sie empfand,
entfesselt, bestimmend und grenzenlos intim,
tanzte sie schließlich ihren merengue auf ihm,
er zeriss ihre mieder,
sie kam wieder und wieder,
er ejakulierte in schlips und kragen,
das hat sie gewollt, er musste nichts sagen,
er drang nicht in sie ein, sie rieben sich nur,
feuchte wäsche blieb die einzige wollust-spur,
wie oft hatte sie sich das erträumt, dabei masturbiert,
wie sein Glied anschwillt und sie seinen climax diktiert,
wie seine hände ihre schenkel massieren,
wie seine finger nicht nur ihre Vulva berühren,
seine schönen, schlanken finger in ihrem schritt,
verriet sie ihm einst entzückt,
machten sie nass, gepflegte „papa-hände“
wären eben ihr schlüssel zum glück,
die sexuelle prägung versage halt nie,
ein miststück ist eben auch ein genie,
sie beherrschte mithin all seine sinne,
ihr ohrring war eine silberne spinne,
er fürchtete sich immer vor einer giftigen schlange,
doch er saß im netz einer haarigen spinne – ihr gift wirkte lange
©martin heide
Leinen los!
Leinen los! Das Schiff legt ab,
Die Glocke klingt, die See ist glatt.
Weg vom Alltag, schon steht die Uhr,
Hektik adieu, Leben pur.
September, der Sommer wird leider schon blasser,
doch die Sonne schwimmt immer noch im Wasser.
Unendlicher Himmel, endloses Meer, werden eins am Horizont,
wandeln sich in allen Farben, bis der Sternenhimmel kommt.
Hm, diese Briese: Sie streichelt mich, ohne dass ich darum bitte.
Sie ist nicht heiß, sie ist nicht kalt, sondern eine milde Mitte.
Ich lss` den Dingen ihren Lauf,
mich zu erinnern: Das hört auf.
Die Luft ist klar,
wie eine Fernsicht von zu Hause bis nach Sansibar.
Ich rieche eine unberührte Pflanzenwelt,
Tiere, die man für Exoten hält.
Ich rieche Sandstrand, Abenteuer, Insel-Schätze,
Freiheit, statt unentwegter Workaholic-Hetze.
Dort hinten ist sie jetzt zu seh`n,
ein Fleck, der auf dem Wasser schwimmt.
Meine Neugier möchte übers Wasser geh`n,
denn meine Phantasie, die spinnt.
Ich hänge in den Wanten, ich blicke stur g´rad` aus.
Endlich: Anker werfen, Segel lichten, Beiboote raus.
Ich springe an Land - mit Pumas Füßen,
leicht, voll Freude – die Pflanzen sprießen.
Oh, wie lange haben meine Füße,
den kühlen, nassen Sand nicht mehr gespürt?
Und wie viel Stunden, Wochen, Jahre,
war mein Herz vom Alltag eingeschnürt?
Ich platze vor Eifer, ich kann ihn nicht verstecken,
hier bin ich nun, um Neues zu entdecken.
©Martin Heide
Einsamkeit
Da zieht dein Leben so an dir vorbei
und plötzlich stellst du dir unausweichlich die Frage:
Wem ist eigentlich wirklich etwas an Dir gelegen?
Und du erschreckst dich, weil dir niemand in den Sinn kommt.
Keinem bist du wichtig, desillusioniert wird dir klar,
dass du gar keine Freunde hast.
Alle schwimmen sie im Internet und glauben,
sich dort über Wasser halten zu können;
auf der Suche nach dem Kick, dem Glück,
der Freiheit und dem inneren Frieden mit sich
selbst und bemerken nicht, dass sie manipuliert,
und in einer Welt gefangen gehalten werden,
die ihnen die Erfüllung ihrer Sehnsüchte nur
vorgaukelt und ihre Dispositionen für Vertrauen,
Empathie, Respekt und Verantwortung zerstört.
Fortsetzung: Siehe rechts! (Likes und Follower)
Hikikomori
Der schmerzlichste Bodensatz menschlicher
Beziehungen ist die GLEICHGÜLTIGKEIT.
Oft bin ich verzweifelt: Wie können die Menschen nur so
ACHTLOS und so GRAUSAM zu einander sein?
Die Fassaden, sie glänzen, doch im Innern lebt „Kain.“
Ihre Seelen sind Seelen der
FEINDSELIGKEIT.
Ihre Herzen sind Steine der Kälte und
der UNDURCHDRINGLICHKEIT.
Lieber schließe ich mich weg und lebe forthin wie ein Eremit,
denn draußen überall, ist die NIEDERTRACHT der Parasit,
der in vielen Hirnen giert und die Empathie gefräßig ausradiert.
©Martin Heide
Noch mal rumdrehen
Draußen ist es heute nass und
Wolken auf Dächern sorgen dafür,
dass das Licht dunkelgrau bleibt.
Ich fühle mich trotzdem geborgen, wie die Katze,
die im Winter auf dem warmen Ofen-Sims schläft.
Leider ist mein Computer konvertiert – er „Is` la(h)m.“
An meinen Hemden gehen die Knöpfe ab,
Gleiches passiert derzeit mit meinem
geistigen und seelischen Zustand.
Mein Verstand liegt vor mir auf dem Boden
und hat die Bindung zum Kopf verloren.
Bindungen, die meiner Seele guttun, und Unmut,
haben sich aufgelöst.
Ja, manchmal falle ich aus dem Fenster.
Hoch, aus dem zweiten Stock -
an meinen Kindheitsalptraum erinn` re ich mich noch.
Ich könnte über die Plastik verpestete Welt schreiben,
ein Bild dazu malen oder gar ein Lied dazu komponieren,
doch heute hab` ich keinen Hunger.
All meinen Lieben geht es gut,
ich brauche keine Angst zu haben, dass sie sterben.
Also bitte, auf meine alten Tage, bin ich doch noch entspannter geworden.
Hm, ich lieg` bequem,
genieße es, nicht aufzusteh`n,
umhüllt von Daunenfedern
- und dreh` mich noch mal um . . . .
©Martin Heide
Von Gott und dem Teufel … und (s)einem teuflischen Diener
Mit Pickel und Spaten
gings in den Garten.
Er war nicht in Gewissensnöten
- schon Herodes ließ Kinder töten.
Also, warum auf seine innere Stimme hören?
Kinder zu töten hieß: Glauben an Gott zu schwören.
Er, der jeden Menschen zu sich nahm,
egal ob verlogen, grausam, arm oder warm.
Eine Eule, die in die Nacht hineinrief,
begleitete ihn, als er beim Graben auf Knochen stieß.
Verdammt, lag dort ein Jüngling, der schon vor Jahren zu ihm kam?
Einer von jenen, den er in seine christliche, gnädige Obhut nahm?
Verpackt in zwei, drei Plastiksäcke,
in die er nun ein Loch gestochen hatte.
Geruch von Verwesung stieg ihm in die Nase
und er entleerte seinen Magen, den Darm und die Blase.
Eigentlich vergrub er seine Opfer nackt,
doch dieses schien noch eingepackt.
„Und nun?“ Fragte er sich: Ein neues Grab ausheben
oder den neuen Schützling auf den Alten legen?
Gut, er dachte, das sei das aller Beste,
zerriss den Sack, heraus fielen die Reste.
Dann legte er den neuen Knaben
auf den alten Knaben – Gott wollte es so haben.
Als er den nackten Jungen so vor sich liegen sah,
wuchs sein Glied und er rieb es, bis es ihm gekommen war.
Dieses Gefühl war die Quelle seiner grausamen Taten.
Das Wiederholen dessen, erzeugte einen Friedhof im Garten.
Sein nicht kontrollierbarer Trieb und sein potenter Penis,
brauchte nur Sühne, Wegseh` n und das Beichtgeheimnis.
Den Plastik-Sack verbrannte er im Kamin,
seine Soutane wusch er mit Seife und Jasmin.
Vor dem Kreuz, bäuchlings auf dem Kirchenboden liegend, betete er
und seine weltlichen Sünden, die verzieh ihm Gott der Herr.
©Martin Heide
Ein kleines Gedicht
Lyrik, Poetik, Haiku.
Metrum, Hebung, Anapäst.
Trochäus, Jambus, Daktylus.
Metapher, Anapher, Epipher.
Kadenz, Klimax, Monolog.
Neologismus, Archaismus, Pleonasmus.
Litotes, Hyperbaton, Dialog.
Semantik, Redundanz, Rhetorik.
Heinrich von Veldeke, Oxymoron.
Walther von der Vogelweide, Lyra – viele Köpfe hat die Hydra.
a das ist für dich
b ich armer wicht
a ein kleines gedicht
b das ist kein gedicht
a wieso denn nicht
b so geht kein gedicht
a wie geht ein gedicht
b das weißt du nicht
a was ist ein gedicht
b wenn `s lecker ist
a ich kann wohl ein gedicht
b das kannst du nicht
a doch ich schreib` wie es ist
b nein du kennst die regeln nicht
a ach ohne ordnung geht es nicht
b ja das schmeckt doch keinem nicht
a mir schmecken regeln aber nicht
b hm ohne vorschrift kein gedicht
a ach leck mich das entscheidest du doch nicht
a mich kümmert nur was mich rührt.
©Martin Heide
Sich schön machen
In einer Stunde ist es so weit;
beide sind für den Cocktail bereit.
Über ihr Leben bestimmen, das ist ihr Wille,
sich von den Leiden lösen, selbst-bestimmt in Stille.
Sie machen sich schick, sie wollen würdevoll geh`n;
beide lieben sich, weil über der Provence die Winde weh`n.
Der Mistral hatte ihr den Hut vom Kopf geweht
und sich vor seine Füße gelegt.
Fortan waren sie ein Paar und blieben einander treu,
sie Journalistin und er Kapitän – Schiff ahoi!
Er trägt jetzt Nadelstreifen, Lackschuhe und eine Rose im Knopfloch;
oh, ihr Duft, ihr Parfüm fangen in jetzt noch.
Sie steht vor dem Spiegel und schminkt sich dezent,
etwas Rouge, etwas Wimperntusche, nicht dekadent,
die Perlenkette von Pierre Cardin,
passt zu ihrem Wesen ganz wunderbar.
Ihr Kleid in Azur, dazu adäquat der Bläser, sitzen wie vor vierzig Jahren;
als Moderatorin, die Fakten im Focus, ist sie den Heuchlern in die Parade gefahren;
lackierte Fingernägel, bordeauxrot, wie die Lippenstift-Farbe auf ihren Lippen,
so kannte man sie, eine ganze Nation, stets forsch, etwas schmal auf den Rippen.
Nun nehmen sie Abschied, es ist alles besprochen und alles geschrieben;
genug vom Haarausfall, von Schmerzen und Siechen – das Gift kommt um Sieben.
©Martin Heide
Ich will fort
Grad` hab` ich mich vollgeschissen.
Ich mag nicht mehr. Ich schäm` mich so.
Du sollst mir nicht den Arsch abwischen,
weil ich`s nicht schaffe bis auf `s Klo.
Sediert, lieg` ich hier im Gitter-Bett, seit Wochen,
und komme nicht mehr raus und nicht mehr weg,
meine Arme sind ganz grün und blau gestochen,
mein Hirn ist voll von Tranquilizer-Dreck.
Die Nadelstiche jeden Tag,
sind in der Tat kein Segen,
ja, alle Assis müh`n sich brav,
und finden nicht die Venen.
Ich esse nichts, ich mag nichts mehr,
ich kack` mich sonst bloß wieder ein.
Gut, dass ich keinen Hunger spür`,
dann gibt`s auch keine Stinkerei` n.
Bitte, bitte lass` mich los!
Meine Schmerzen sind so groß.
Da, wo ich jetzt hinwill,
da ist es himmlisch still.
Gewiss sieht`s dort ganz anders aus,
ganz anders als bei uns zu Haus`.
Doch bitte Liebes lass mich geh`n! Ich muss nun baldigst fort.
Bestimmt gibt es ein Wiederseh`n, an ebenjenem Ort.
Ich bin dann für immer dort, darauf gib ich Dir mein Wort.
©Martin Heide
Die Schrecken einer anderen Wirklichkeit
Der Kühlschrank rutscht auf sie zu und will sie mit Aas überschütten.
In der Toilette sitzen Ratten und Spinnen, die sie mit Ekel beglücken.
Im Schlafzimmer klebt Blut an den Wänden, unterm Bett liegt ein Clown.
Im Flur hängen pechschwarze Uhren, die sie hungrig beschau`n.
Die Treppe nach oben ist endlos verschimmelt.
Auf der Kellertreppe liegen Herzen und LI`s ganz krass verstümmelt.
Aus der Waschmaschine rollen entstellte Köpfe.
In der Spülmaschine schwimmt Blut, darüber hängen tropfende Zöpfe.
An den Lampen hängen Affen, sie kreischen und droh`n.
In der Küche hört sie Musik von Leonard Cohen.
Die Türen zerfallen, sie lösen sich auf ; im Nu steht alles sperrangelweit auf.
Drohnen fliegen ein und Bomben zum Tod, nebenan tiefe Löcher, viele Leichen und Not.
Vor dem Haus steht ein Wolf, die Augen zerstochen,
er heult und heult, jede Nacht unverdrossen.
Im Garten lebt Eden, Anaconda im Baum,
die Terrasse zersetzt sich und verschwindet im Raum.
Das Dach fliegt zum Mars, Mr. Spock hält das Steuer,
er kifft einen Joint, das ist seine Heuer.
-
Ein Schneider kommt an und schneidet ihr die Finger ab,
Ihre Finger, sie fallen in den Fleischwolf hinab.
Da! Der Fernseher blinkt, ein Bild ist zu seh`n,
jetzt kann sie sogar ihre Stimme versteh`n.
Sie sieht sich im Fernseh`n , die Finger sind weg, das Gesicht leichenblass,
aus ihren Augen strömt kalter, hilfloser Hass.
Ein Raabe zerhackt ihr genüsslich die Augen,
jetzt weiß sie, wozu Schnäbel von Vögeln so taugen.
Der Wolf ruft sie noch immer und sieht mit der Nase,
doch ihr Leib liegt im Garten, unter dem Grase.
Ein Strohhalm ragt raus, der ihr Sterben belüftet an endlichen Tagen,
denn nun spürt sie schon Käfer, Milben und Maden, die an ihr nagen.
Ihre Haut ist ganz weiß, weiß, wie die Maden im Speck,
Verwesung stinkt süßlich, doch ihr Brechreiz ist weg.
An der Demarkationslinie des Bewussten erscheinen Bilder, die phantastisch sind,
und in bizarren Collagen, zeugt Satan sein Kind.
© Martin Heide
Sie hat einen lieben Mann
Sie hat einen lieben Mann.
Er hilft, wo es geht und wo er kann.
Fast 50zig Jahr`
sind sie ein Paar.
Er liebt sie und sie liebt ihn,
er ist Gerd und sie ist Karolin.
Sie sagt, sie habe so stark abgenommen,
dass ihr die Ohrlöcher in den Ohrläppchen
zugewachsen seien.
Er sagt, seine Haare wären zu lang.
Sie müsse ihm wohl doch die Haare scheren.
Sie sagt: „Dann bist du ja wieder mein süßer,
dicker Nazi-Vollpfosten.“
Er sagt, seine Adipositas verhalte sich
wie eine Blume – sie blüht auf, wenn sie gegossen wird.
Er wünsche sich jedoch, dass seine Fettleibigkeit
wie eine Blume verwelke.
Sie sagt: „Ok, ich bin manchmal ein bisschen böse zu Dir.
Ich habe eben absichtlich ganz laut geschlürft,
als Du an mir vorbei gegangen bist.“
Er fragt: „Ein bisschen böse?“
Er sagt: „Ich habe uns Schokolade gekauft, für unsere
Reise morgen, als Wegzehrung. Eine Yogurette
für Dich, eine Kinderschokolade für mich.“
Abends fragt er: „Hm, was meinst Du, könnten wir
nicht jetzt schon ein kleines bisschen von unserer Wegzehrung
essen?“
Sie: „Nein, nein, nein, nein, auf gar keinen Fall, die Schokolade
ist für morgen!“
Daraufhin geht er in die Küche. Seine Kinderschokolade liegt
auf der Yogurette. So hatte er die beiden Packungen nicht
abgelegt. Er öffnet die Yogurette-Schachtel – leer.
Er lacht lauthals los, Sie kommt lachend auf ihn zu und
sie umarmen sich.
Sie sagt: „Du siehst aus wie ein Neandertaler.“
Er: „Ich bin ein Neandertaler.“
Sie hat ihre neue, tief schwarze Sonnenbrille auf.
Er sagt: Du siehst aus wie ein Insekt.
Sie sagt: „Hab` ich bei Apollo umsonst bekommen.“
Er sagt: „Ich spiele vor der Bescherung Cello.“
Sie sagt: „Ich brauche aber Cellophan-Tütchen für die Weihnachtsplätzchen.“
Sie sagt: „Wenn ich so gute Blutwerte hätte wie Du, wäre ich froh.“
Er sagt: „Ja, aber jetzt habe ich nichts und das im Winter.“
Sie: „Ja, Du bist kern gesund.“
Er: „Ich hätte aber gerne was.“
Sie: „Warst Du schon auf dem Balkon?“
Er: „Im Schlafanzug?“
Sie: „Ja, da könntest Du Dir was holen.“
Er sagt: „Gib mir mal ein Marzipan-Schokolädchen – zum Nachtisch!“
Sie sagt: „Nein, wir haben gesagt, jeder bekommt nur eins am Tag. Du hast
heute schon zwei verputzt.“
Er: „Nein, nein, nein, nein, Du hast schon zwei gefressen, ich nur eins.“
Er: „Ich nummeriere die jetzt.“
Sie: „Ja klar, das bringst Du fertig und signierst jedes Täfelchen mit Deiner Unterschrift.“
Eine Freundin erzählt den beiden, dass ihr Mann in der Badewanne
einen Herzinfarkt bekommen habe und ertrunken sei.
Beide fragen gleichzeitig schmunzelnd: „Wie geht das denn?“
Freundin: „Ihm ist beim Baden das Hörgerät ins Wasser gefallen,
der Stromschlag davon hat ihm dann den Rest gegeben.“
Beide schreien lauthals lachend los: „Ja, das hätte einem von uns auch passieren können.“
Draußen schneit es. Sie liegt auf der Couch, das Heizkissen am Rücken und sagt:
„Ich liebe meine Heizdecke.“
Er sagt: „Erschreckend, wie schnell ich in unserer Beziehung ersetzbar bin.““
Sie: „Ach Schatz! Es gibt Menschen, die haben weniger Wärme als ein Heizkörper, der auf null steht.“
Er: „Ja genau, und im Sommer sagst Du, dass Du Deinen ach so lautlosen Ventilator so sehr liebst.“
Sie: „Aber ich habe doch so etwas gar nicht.“
Sie schneidet Chili, Zwiebeln und Knoblauch. Etwas später schmiert er sich ein Nutella-Brot. Als er es isst, brennt ihm die Zunge und der Mund.
Er: „Hast Du mit dem roten Messer Chili geschnitten?“
Sie: „Ja, Chili, Knoblauch und Zwiebeln.“
Er: „Toll. Ich habe mir damit ein Nutella-Brot gemacht. Hast Du schon mal ein scharfes Nutella-Brot gegessen?
Sie: „Wow, das hätte bestimmt eine belebende Wirkung.“
Er: „Ach ja, ich habe mir mein Leben auch anders vorgestellt.“
Sie: „Was machst Du schon wieder?“
Er: „Ich schreibe unsere Dialoge auf und mache daraus ein Buch.
Sie: „Hast Du Deine Tabletten schon genommen?“
Sie: „Leben ist mehr als die Vermeidung von Leid.“
Er: „Ja, Du bist mein süßes Goldnäschen.“
Sie: „Du kannst so viel.“
Er: „Klar, Du willst nur das erste Türchen am Adventskalender öffnen.“
Sie: „Man kann nicht in die Falten meiner Seele schauen.“
Er: „“Du hast die ungeraden Türchen am Adventskalender gewählt.
Das 24. Türchen ist für mich.“
Sie: „Der Mensch ist ein Abbild von dem, was ihm vorgelebt wurde,
im Guten weniger und im Schlechten mehr.
Er: „Hm, die Liebe ist das kurze Licht des Lebens und die Ehe die
Stromabrechnung.“
Er hat seit zwei Tagen einen fürchterlichen Hexenschuss. Gekrümmt geht
er durch die Wohnung. In der Küche schaut er zu ihr empor und sagt:
"Glotz mich nicht so an!"
Sie sagt grinsend: "Ich kann Dich auch umwerfen, aber dann kommst Du nicht mehr ho(oo)ch."
Über diese derart schlagfertige, freche Äußerung muss er laut lachen
und für einen Moment ist sein Hexenschuss vergessen.
Sein rechtes Knie ist seit geraumer Zeit lädiert,
eine Schiene stützt es deshalb wie geschmiert.
Oh je, jetzt läuft er nicht mehr wie zuvor,
und Sie nennt Ihn: „Ach mein Terminator.“
Beide sitzen zum Paargespräch bei der Psychiaterin.
Psychiaterin: „Frau K., erzählen Sie doch mal! Wie kam Ihnen Ihr Mann vor, als er so
krank war? An was erinnern Sie sich besonders?
Sie: „Der stand immer am Fenster und beobachtete, was auf der Straße vor sich geht. Der hatte Verfolgungswahn.“
Wieder zu Hause:
Er: „Was Besseres hätte Dir gleich am Anfang des Gesprächs nicht einfallen können.
Die Psychiaterin sieht sich nun darin bestätigt, dass ich zurecht die Psychopillen lebenslang einnehmen muss. Ich dachte, du stehst auf meiner Seite.“
Sie: “Ja, wenn die mir so blöde Fragen stellt, kann ich doch nichts dafür. Ich wusste ja nicht, dass man Tabletten schlucken muss, wenn man verfolgt wird.
Er: „Schon gut, nicht so schlimm. Du darfst sagen, dass ich mich verfolgt fühlte.
Deshalb liebe ich dich trotzdem.“
Wenn ein Paar eine eigene, nur für sie verständliche, Sprache miteinander spricht
und sich darüber amüsiert, bzw. daran Gefallen findet, sind sie ein Liebespaar.
Nun denn . . .
Manchmal weinen beide heimlich.
Sie weint, weil ihr Elan schwindet.
Er weint, weil er vieles ungerecht findet.
Nicht selten haben sie Angst zu Bett zu gehen.
Könnten sie sich doch im Schlaf verlorengehen?
Sie sind ein Liebespaar, und trotzdem traurig dann und wann,
weil sie spüren, dass man die Sanduhr nicht ewig drehen kann.
© Martin Heide